Interview: 10 Fragen an eine blinde Mutter6 min read

Wie du bereits in der Überschrift lesen konntest: In diesem Beitrag führe ich ein Interview mit einer blinden Mutter. Laut einer Studie des Deutschen Blinden- und Sehberhindertenverbands sind in Deutschland um die 1,2 Millionen Menschen blind oder sehbehindert. Häufige Ursachen sind natürliche Alterungsprozesse, Unfälle, Erkrankungen wie Grauer oder Grüner Star, Netzhauterkrankungen wie genetisch bedingte Retinopathia pigmentosa, vorgeburtliche Schädigungen oder sogar Diabetes. Hast du dir schon einmal überlegt, wie dein Leben wohl sein würde, wenn du nicht täglich alles um dich herum klar sehen könntest?

Es macht mich sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte, dieses Interview mit Lydia zu führen. Während des Interviews konnte ich mich sehr gut in sie selbst und ihre Sichtweise auf die Welt und ihre Bewohner hineinversetzen. Öffne dich ebenfalls und versetze auch du dich in ihre Sichtweise und Lage.

 

Wer ist Lydia?

Lydia ist 50 Jahre alt und Mutter zweier Teenager. Sie und ihr Mann sind gesetzlich blind, ihre beiden gemeinsamen Kinder können jedoch sehen. Lydia führt ebenfalls, wie ich, einen Blog (lydiaswelt). Seit 2016 schreibt sie mit viel Leidenschaft und Begeisterung zum Bloggen über Themen wie Blindheit, ihr Leben mit der Sehbehinderung, ihre persönliche Situation als blinde Eltern und ihren eigenen Migrationshintergrund.

 

Blind die Welt entdecken… Geht das? Wie kommst du von deiner Haustür bis zu deinem Ziel in einem fernen Land? Wie verreist du?

In vertrauter Umgebung bewege ich mich mit Hilfe meines Blindenstocks. Weitere Wege lege ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Für Bahnhöfe, die mir nicht vertraut sind, kann ich auf das Angebot der Umsteigehilfe der Bahn zurückgreifen. Auch an Flughäfen gibt es dieses Angebot. Ich muss jetzt nur noch die richtigen Komponenten miteinander verknüpfen, um meine Reise möglichst stressfrei zu gestalten.

 

Nach welchen Kriterien und wie suchst du deine Reiseziele aus?

Zunächst einmal gelten für mich ähnliche Kriterien wie für normal sehende Familien auch. Dazu zählen Preis, zur Familie passende Unterkunft und Freizeitangebote. Ebenso wichtig ist aber auch für mich die Infrastruktur. Fragen wie „Komme ich da mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin“, „Wie wird die Versorgung sichergestellt“ und „welche Angebote kann ich wahrnehmen“ wollen beantwortet werden.

 

Wie bereitest du dich auf eine Reise vor?

Als ich vor Jahren mit meinen Kindern, damals 10 und 12 Jahre alt, nach Ägypten reiste, schrieb ich vorab eine E-Mail an das Hotel und erklärte den Mitarbeitern, dass ich beispielsweise Hilfe beim Buffet, beim Ausfüllen von Formularen oder der Beaufsichtigung meiner Kinder am Strand brauchte. Ich fragte nach, ob man mir hier helfen kann. Damit war man auf uns vorbereitet.

 

Wie gehen die Menschen in den verschiedensten Ländern mit dir um, wenn sie bemerken, dass du nicht sehen kannst? Ich selbst versuche, immer zu helfen, weiß jedoch oft nicht, wie, ohne die bestimmte Person zu kränken. Wie gehen andere mit dir um? Gibt es vielleicht etwas, was du dir von ihnen wünschst?

Menschen sind verschieden. Und ebenso unterschiedlich gehen sie mit uns blinden Personen um. Manche zerfließen vor Mitleid, andere sehen in mir den Übermenschen. Und dazwischen gibt es noch ganz viel anderes. Ich wünsche mir, dass man mir Hilfe anbietet, bevor man mich greift und versucht irgendwohin zu schieben. Denn ich sehe die Personen nicht. Ich weiß also erst mal nicht, ob das Freund oder Feind ist.

 

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Blinde immer mal wieder auf Reisen diskriminiert werden und von A nach B geschubst werden, obwohl sie eigentlich bei D ankommen wollten. Hand aufs Herz: Ist dir das schon einmal passiert? Wurdest du schon einmal auf Reisen diskriminiert?

Ja, dieses übergriffige Verhalten kenne ich. Inzwischen befreie ich mich aus so einem Griff und versuche der Person klarzumachen, dass ich das gern anders hätte. Einige wenige Menschen sind da allerdings ziemlich lernresistent. Diskriminierung ist für mich, wenn mir andere Reisebedingungen auferlegt werden. Als mein Mann und ich eine Kreuzfahrt buchten, wollte der Reiseanbieter für uns beide jeweils eine volljährige Begleitperson, die in derselben Kabine mit reist. Da jedoch keines meiner Kinder 18 Jahre alt war, wollte man uns nicht mitnehmen.

 

Du bist, genauso wie ich auch eine Bloggerin. Was mich interessiert, ist, wie du deinen Blog führst. Ich selbst sitze Stunden vor meinem Computer, tippe vor mich los, bearbeite Bilder, stelle sie online, recherchiere für interessante Artikel, bearbeite das Design meiner Webseite, das Menü, etc. – bis mir die Augen wehtun. Wie machst du das?

Ich schreibe meine Texte auf einer herkömmlichen Tastatur wie Du. Mittels einer Sprachausgabe oder Braillezeile kann ich den Text später korrigieren. Was das optische Design angeht, so lege ich Wert auf einfache Struktur und Barrierefreiheit. Fotos lasse ich machen. Ebenso lasse ich mir auch mal beim Formatieren der Texte helfen. Am liebsten bezahle ich die Personen für diese Dienstleistung, weil sich das für mich besser anfühlt. 

 

Wie träumst du? Siehst du Dinge in deinen Träumen? Oder wie kann man sich das vorstellen?

Blind ist man, wenn man auf dem besseren Auge weniger als zwei Prozent sieht. Ich sehe noch grobe Umrisse. Und so träume ich auch. Träumen ist unabhängig vom Sehen. 

 

Wie sieht ein ganz normaler Alltag bei dir zu Hause aus?

Mein Alltag richtet sich nach dem was zu erledigen ist. Wie bei anderen Menschen auch. Gut, seit meine Kinder älter sind, brauche ich nicht mehr mit ihnen aufzustehen und den morgendlichen Wahnsinn zu durchzuleben. Ich kann mir das mit einer Tasse Kaffee in der Hand ansehen.

 

Wenn wir schon beim Thema Zuhause sind: Nach welchen Kriterien suchst du eine Wohnung/Haus aus, wo du dauerhaft lebst?

Ganz wichtig ist für mich die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, der nächste Supermarkt, Ärzte, Apotheke, Frisör usw. in der Nähe. Ich wollte nie irgendwo wohnen, wo ich ständig einen Autofahrer brauche, um zum Arzt, zum Einkaufen oder Kaffeetrinken zu gehen.

 

Gibt es etwas, dass Du Dir von der Reiseindustrie im Umgang mit Blinden wünschst?

Ich wünsche mir mehr Angebote für Menschen mit Sehbehinderung. Ich wünsche mir, dass man als blinder Reisender wie ein Erwachsener behandelt wird. Leider gibt es immer noch Reiseanbieter, die eine volljährige Begleitung zur Bedingung machen. Manche Freizeitparks schließen blinde Gäste grundsätzlich von der Nutzung der Fahrgeschäfte aus.

 

Wir hoffen, dir hat der Beitrag gefallen. Teile gerne deine Meinung in den Kommentaren mit der Community und wenn du möchtest, teile es gerne mit deinen Freunden.

 

Deine Lydia & Nessi

P.s. Vergiss nicht, dir Lydias Blog anzugucken. Dort schreibt sie mit sehr viel Leidenschaft über Themen wie: Blindheit und Sehbehinderung, wie es ist, blind Kinder großzuziehen und über einen Migrationshintergrund.

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14 Kommentare zu Interview: 10 Fragen an eine blinde Mutter6 min read

  1. Wow, ein sehr emotionales Interview. Mir geht es da wie dir – man möchte einem blinden Menschen natürlich helfen in gewissen Situationen aber anderseits fühle ich mich total schlecht, weil ich nicht will das er denkt ich würde ihn bemitleiden.. Sehr schwierig für Außenstehende. Lydia scheint eine sehr starke Persönlichkeit zu haben und ich glaube sie meistert ihr Leben (und ihre Reisen) trotz ihres Handicaps mit Bravur 🙂

  2. Das ist ein wirklich tolles Interview.
    Es ist so toll eine andere Perspektive auf die Welt kennenzulernen und ich bin begeistert wie Lydia das meistert. Denn ich selber könnte mir nicht vorstellen meine Mitmenschen und Umgebung nicht zu sehen. Also spreche ich hier mal großen Respekt aus. Lydia, falls du diesen Kommentar jemals liest, bedanke ich mich hiermit einmal, dass du Vanessa dieses Interview gegeben hast. Ich fand es so interessant und wünsche dir noch ein tolles Leben und viel Erfolg auf deinem Weg.
    Natürlich möchte ich mich auch bei dir bedanken Vanessa. Das Interview ist unfassbar spannend. Nur durch dich konnte ich einen Einblick in Lydias Welt bekommen und viel neues erfahren.
    Ich danke euch beiden sehr für das Interview.
    Liebe Grüße
    Anastasia

  3. Wirklich super, dass du das Interview gemacht hast. Man kann durch die Augen von Lydia sehen und ich finde es ein wichtiges Thema, von dem man als Nicht-Blinder auch gar nicht so eine richtige Vorstellung hat.
    Liebe Grüße,
    Sarah

  4. Ein superschönes Inteview. Ich fand auch gut, dass du das mit dem Träumen auch gefragt hast, insgeheim hab ich mich das auch schon paar mal gefragt. Was noch schön geweden wäre, ist, die frage, wie genau man jetzt blinden helfen kann, ohne sie zu kränken. Aber sonst wirklich gut

  5. WOW 🙂

    Sehr schönes interessantes Interview.

    Ich kann die Probleme zu 100% nachvollziehen, da ich in meiner Freizeit des öfteren mit Behinderten arbeite (PC Schulung und ähnliche Aktivitäten) und kenne das.

    Ich spreche sie eigentlich immer direkt an, ob sie Hilfe benötigen und das klappt eigentlich immer sehr gut.

    Der Blog ist toll.

    Ich würde mit wünschen das wir ganz natürlich mit den Behinderten umgehen so wie wir es mit unseren Mitmenschen auch machen, dann wäre vieles leichter.

    Liebe Grüße

    Marcus

    1. Hallo Marcus,
      da hast du recht… man sollte wirklich einfach gaaanz normal damit umgehen. Leider tun dies viele nicht, was sehr traurig ist…
      Finde ich toll, dass du des öfteren mit Behinderten arbeitest.
      Liebe Grüße
      Nessi
      P.s. gibt es schon Neuigkeiten zu deinem Welpen?

  6. Mir war nicht bewusst, daß Reiseveranstalter sich da so quer stellen können! Ich habe jahrelang für eine Hotelkette eng mit Reiseveranstaltern zusammen gearbeitet, einer war spezialisiert auf Reisen für Behinderte, da ging es aber um die Barrierefreiheit im Zimmer für Rollstühle. Deswegen wusste ich damals, auf was es hier ankommt. Auf die besonderen Bedürfnisse von Blinden wurden wir nicht geschult…
    VG Martina

  7. Liebe Vanessa,

    danke für dieses wundervolle und spannende Interview!

    Und ich muss sagen, dass ich doch echt davon schockiert bin, wie manche Personen mit blinden Menschen umgehen. Nur weil jemand eine Sehbehinderung hat oder sogar blind ist, kann ich doch nicht übergriffig werden und jemanden “durch die Gegend schieben”… ein wirklich sehr respektloser Umgang.
    Man möchte doch auch als Sehender nicht so behandelt werden, warum macht man das dann mit Blinden? Wenn man helfen will, kann man die Person doch ganz normal wie jeden anderen vorher ansprechen.

    Liebe Grüße,
    Elisa

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